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Die Rolle von Child Survivors als Zeitzeugen

Die Rolle von Child Survivors als Zeitzeugen, sowohl des Holocaust als auch der gesellschaftspolitischen Versäumnisse nach 1945

Persönlicher Vermerk des Publizisten und Liquidators von CSD (Child Survivors Deutschland), Philipp Sonntag

 

Im Umfeld des Vereins gab es freundliche Kontaktpersonen, jedoch zumeist nur begrenzte Förderungen, und niemals eine institutionelle Förderung. Noch schlimmer erging es „Phönix aus der Asche“, dem Verein der Child Survivors aus den postsowjetischen Staaten – vergeblich haben wir uns zum Beispiel mit drei Petitionen an den Bundestag bemüht, diese Frustrationen zu verringern.

 

Engagement und Belastung

Engagements, aber auch Belastungen für unsere Organisation von eigenen Treffen, bis hin zur Erstellung von VN (Verwendungsnachweisen), waren hoch, siehe Beispiele in Band 1: (einführend), von Philipp Sonntag: „Wir Überlebende des Nazi-Terrors in Aktion“, Verlag Hentrich & Hentrich, April 2017; 106 Seiten

Dort wird, insbesondere auf Seite 83 erläutert:

  • Milliarden Euro stehen laufend bereit für Service-Dienstleister zu Pflege, Treffen, Therapie usw. für Child Survivors, was natürlich ok und willkommen ist.
  • Millionen Euro sind öffentlich verfügbar für steinerne Denkmäler von uns und deren Pflege, ebenso für wissenschaftliche Studien und Konferenzen mit akribischen Aufzählungen von Details des Holocaust. All das konnte jedoch an der faschistischen Präsenz wenig verändern. So sind die 879 Seiten von DAS AMT zwar akribisch beeindruckend, im Buch wurden Verbrechen von Nazis bis 1945 genannt, aber die Mitarbeiter im Außenministerium blieben unbehelligt. Ähnlich war das Resultat bei den Untersuchungen einer Reihe weiterer Bundes-Ministerien und anderer Behörden der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahren.
  • Und wir? Sobald wir auch nur mal ein paar tausend Euro beantragten, etwa weil wir Treffen in eigener Regie organisieren wollten, dann kamen oft frustrierende Einschränkungen und/oder unerwartete Enttäuschungen.

Wie sind diese Phänomene zu verstehen?

 

Unsere Rolle als Zeitzeugen

Unweigerlich kann das Verhältnis von Zeitzeugen und Historikern spannungsreich sein. Wie damit umgehen? Ich war 1964 – 1978 Mitarbeiter von Carl Friedrich von Weizsäcker. Ich habe beobachtet: Er hat oft solche Streitfälle moderiert. Genau zum genannten Problem hat er sich klar geäußert (Carl-Friedrich von Weizsäcker: Bewusstseinswandel, München 1988, S.304.):

„Wenn ich einen Historiker sagen höre: 'Zeitzeugen lügen', so fürchte ich, dass er weitgehend recht hat. Nur sind Dokumente nicht besser. Auch sie lügen. Und sie sind insofern in einer schlechteren Lage als der lebende Zeitzeuge, als sie sich nicht wehren können, wenn der Historiker sie falsch interpretiert. Schließlich ist der Historiker selbst oft die Quelle des Irrtums. Sein Standesethos verbietet ihm, bewusst zu lügen. Da er aber genau dieselben Motive zur Vereinfachung, zur Stilisierung, zur Unwahrheit angesichts unerwünschter Befunde hat, ist für ihn die Versuchung der Selbsttäuschung sogar besonders groß.

Das Motiv der Selbsttäuschung kann dabei politische Sympathie oder Antipathie sein, aber auch der erhoffte Erfolg einer These in der Zunft oder in der Öffentlichkeit und die Verteidigung eines einmal begangenen Irrtums. Aus vielfachen Erfahrungen dieser Art hat sich in mir eine Gewohnheit herausgebildet: Ich nehme eine spezielle Sachmeinung eines Autors oder eines Gesprächspartners umso ernster, je weniger ich sie aus der Kenntnis seiner Person, seiner Gesamtstellung heraus habe vorhersehen können. Hat man all dies im Auge, so ist die Rolle als Zeitzeuge nicht sehr angenehm."

 

Die übliche Konzentration auf die Vergangenheit bis 1945

Ein Musterbeispiel zur Vermittlung von Verständnis für den Holocaust (die Zeit bis 1945) sind die laufenden wöchentlichen Darstellungen (und Versendungen per Email) der Conference on Jewish Material Claims Against Germany, Inc. (Claims Conference), siehe http://www.claimscon.de/ mit den bemerkenswerten Feststellungen:

“The Holocaust didn’t begin with the pogroms of Kristallnacht. It didn’t start when Jewish families were forced into ghettos. It didn’t begin with deportations or concentration camps. It didn't start with killing.

The Holocaust started with words. 

The Claims Conference is posting a new video each week of a Holocaust survivor sharing their testimony about the years that led up to the Holocaust, when a systematic plan to demean and dehumanize with words led to hate, hate led to actions and actions led to murder.”

Zweifelsohne waren und bleiben solche Beobachtungen der Vergangenheit auch ein Schwerpunkt unserer individuellen Bemühungen als Zeitzeugen in Schulen usw.

Aber was nützt es? Was gesellschaftspolitisch auffällt, ist die ungeheuer(lich)e Präsenz von rechtspopulistischen und faschistischen Bestrebungen in Europa. Das geschah trotz einer Fülle von Protesten von Institutionen und Einzelpersonen mit jüdischem Ursprung. Es geschah, obwohl immer wieder auf Mängel der Beachtung hingewiesen wurde, so beim „Schwur von Buchenwald“, so auf Mängel und Begrenzung von „Wiedergutmachung“, auf Schonung der Täter nach 1945 usw.

Was aber sind die konkreten Ursachen und Folgen solcher Mängel? Wir konnten dies mit unseren sehr begrenzten Mitteln nicht erforschen.

 

Unser Gespür für fehlende Forschungsbereiche

Nun sind Child Survivors fast unweigerlich hoch sensibel und können Mängel erahnen. Bei ihnen liegt der „kafkaesk geschulte Blick“ nahe. Was hilft das? Während meiner Jugend gab es bei vielen den „marxistisch geschulte Blick“, der Strukturen der Gesellschaft (Entfremdung, Mehrwert usw.) erahnen ließ. Über Ahnung hinaus wäre Forschung erforderlich gewesen. Es wäre möglich gewesen, früher festzustellen, dass 70%  der hohen Beamten im Arbeitsministerium frühere Mitglieder der NSDAP waren – und was sie an Schaden weiter anrichten. Aber jahrzehntelang war das kein Thema.  

Als Herausgeber von Büchern unserer Mitglieder habe ich die „Ahnungen zu Versäumnissen der Forschung“ gezielt in einem englischen Buch (Forever Alert, Beggerow Verlag 2019) angedeutet. Im Kapitel „10. Future Research Themes“ (Seite 187 ff) nannte ich „lohnende, aber ignorierte Forschungsthemen“. So könnte man die Theorien zur Bürokratie gemäß Hannah Arendt gut auf Details der skandalösen Aktionen von Altnazis nach 1945 anwenden.

Ein paar Beispiele zur Veranschaulichung potenzieller Tragweite:

  • Die hohe Präsenz von Altnazis in Bundesministerien ließ sich Jahrzehnte nach 1945 immer weniger vertuschen. So entstanden akribisch erstellte, „objektiv erforschte“ Dokumentationen. Allerdings wurden hohe Beamte auch bei klaren Beweisen von Straftaten geradezu systematisch nicht zur Verantwortung als Täter gezogen.  
  • Hochinteressant erschiene mir zu ermitteln, was solche Altnazis und Sympathisanten in der Außenpolitik nach 1945 angerichtet haben. So wurde der Atomwaffensperrvertrag durch deutsche Beamte systematisch eingeschränkt. Viele Schwierigkeiten im aktuellen Umgang mit dem Atomprogramm des Iran wären vermeidbar gewesen.
  • Ich war bei einer Vorbesprechung von Wissenschaftlern zur Untersuchung einer Dokumentation über Altnazis im 1955 gegründeten Atomministerium der Bundesrepublik Deutschland (erster „Atomminister“ war Franz Josef Strauß). Ich fragte, wieso die Auswirkungen der Arbeit von Altnazis nach 1945 nicht mal im Ansatz erforscht wurden – die Antwort war, dafür stünden Forschungsgelder nicht zur Verfügung, „leider“ sei das so, hieß es, das heißt die „eigentliche Notwendigkeit“ wurde vom Wissenschaftler durchaus gesehen.
  • Viele Altnazis wurden im Kernforschungszentrum Karlsruhe aktiv. Dr. Leon Gruenbaum deckte die Nazi-Vergangenheit seines Vorgesetzten Dr. Rudolf Greifeld in der Militärverwaltung in Paris 1941/1942 auf und verlor prompt seinen Job und bekam auch keine neue Anstellung, denn für sein Verhalten gilt „Im Staatsapparat war und ist dies reflexartig unerwünscht. Behörden decken einander in solchen Fällen oft bedenkenlos“ – so trug ich in meiner Laudatio zum „Posthum-Whistleblower-Ehrenpreis an Dr. Léon Gruenbaum“ 2015 bei.
  • Die Rolle von Geheimdiensten wurde und wird kaum aussagestark untersucht. Es gab eine Kunstfertigkeit in der Erstellung von „absichtlich harmlosen“, sprich verschleiernden Protokollen – typisch insbesondere im Bereich der Verknüpfung von ziviler und militärischer Entwicklung der Kerntechnik. 
  • Es wäre interessant, bei Mauertoten einerseits und faschistischen Morden (NSU usw.) andererseits nach 1945 sowohl das Ausmaß als auch die Rollen der Verwaltungen inklusive Geheimdiensten einander gegenüberzustellen und zu versuchen, strukturell ähnliche Vertuschungen zu ermitteln und herauszuarbeiten.
  • Trotz allem ist die BRD – jedenfalls in globalen Vergleich – eine Demokratie. Das Verhältnis von starker zu schwacher Demokratie zu bestimmen, wäre kaum zu erforschen. Worauf es ankommt, ist laufend die Realität wahrzunehmen. So steht im Behörden Spiegel vom Dezember 2021 auf Seite 70 ein Artikel: „Reichsbürger beim BND“, in dem ein „Regierungsobersekretär (A 7) erwähnt wurde, der seit sechs Jahren die Existenz der BRD leugnete. Nun wurde er entlassen. Immerhin, ich meine „eine arg schläfrige Demokratie kann auswachen“.
  • Forschungsmittel werden bei bestimmten politischen Themen instinktiv nur zur de facto Verharmlosung von kritischen Sachverhalten gegeben. Was nach 1945 versäumt wurde, konnte sogar teils in den letzten Jahren „scheinbar“ nachgeholt werden, denn Täter durften ziemlich sicher sein, dass sie als „altbewährte Beamte“ nicht zur Verantwortung gezogen würden.

 

Demokratie

Ich meine, es genügt nicht, einigen Jugendlichen die KZs und Statistiken zu zeigen, vielmehr sollten Strukturen, wie die Verzahnungen von Faschismus und dienstfertiger Bürokratie, allgemein verständlich nachvollziehbar gemacht werden.

Auch sollte zum Beispiel der Wert der Bürger jüdischen Ursprungs in den letzten 1700 Jahren in und für Deutschland herausgestellt werden. Ein guter Ansatz hierfür war die Ausstellung „Diversity Destroyed“ in Berlin 2013.

All dies konnten wir als CSD nicht wissenschaftlich untersuchen. Allerdings fragten mich einige Mitglieder, wozu überhaupt ich so eine Untersuchung bräuchte: Sie waren auch so schon ehrlich entsetzt – bis hin zu Krankheiten aus Verzweiflung – über die Schonung der Täter nach 1945 und das völlig unverständliche Wieder-Aufflammen von Faschismus nach dem Holocaust, vor allem in den letzten Jahren.

Das Verhältnis von

  • Child Survivors als Zeitzeugen des Holocaust, zugleich als real nach wie vor sensibel Leidende einerseits
  • und Historikern, Amtspersonen, wissenschaftlichen Akribikern mit ihren Vorgaben andererseits

ist problematisch. Als sensible Bürger sehen wir unsere Erfahrungen als authentisch und potenziell wertvoll an. Nach wie vor wollen wir Child Survivors zu Struktur, Sinn und Wert von Demokratie beitragen und – soweit es unsere Kräfte erlauben – uns weiter engagieren.

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